Fortschritt durch Technik: Ein Jahr lang hat der contergangeschädigte Biathlet Josef Giesen an seiner Waffe gearbeitet. Pünktlich vor Vancouver ist das Sportgerät fertig geworden - und Giesen damit bereit für seine letzte Medaille.

Es gibt wohl kaum ein flacheres Stück Deutschland als das Emsland. Kein Berg in Sicht, weit und breit. Ein wirklich ungewöhnlicher Ort für Deutschlands erfolgreichsten paralympischen Biathleten, Josef Giesen.
Die Konsequenz aus so viel niedersächsische Heimattreue ist mächtig anstrengend. Rund 20.000 Kilometer pro Jahr ist der 48-jährige contergangeschädigte Biathlet "mit dem Auto auf Strecke", wie er sagt. Meistens geht es für ihn vom Wohnort Löningen ins Wintersportzentrum nach Oberwiesenthal. Auch in diesem Winter hat sich Giesen hier akribisch auf die Paralympics vorbereitet.
Die Spiele von Vancouver werden die letzten sein in der langen Karriere des Ausnahmeathleten. Seit Nagano 1998 hat Giesen keine paralympischen Winterspiele ausgelassen. An Nagano schloss sich Salt Lake City (2002) an, dann Turin und nun also Vancouver. Vier Medaillen hat er geholt, eine goldene - in Salt Lake City - war dabei. Und das ausgerechnet in einer Sportart wie Biathlon, die ohne Arme doch kaum vorstellbar ist. "Zwei Stümpfe habe ich immerhin noch", sagt Giesen.
Doch wie funktioniert Biathlon für einen Sportler, der keine Arme hat? "Daran habe ich lange getüftelt und wie ich hoffe, jetzt für Vancouver wieder eine optimale Lösung gefunden ", berichtet Giesen. Fast ein ganzes Jahr lang hat der gelernte technische Zeichner mit einem Experten einer Sport- und Jagdwaffenfabrik in Suhl an seinem Gewehr gebastelt.
Ziel war es, die Waffe passfähig zu machen. Herausgekommen ist ein einzigartiges Sportgerät, "ein umgebautes Luftgewehr, worauf ich echt stolz bin", wie der Tüftler Giesen erklärt. Seine Waffe aber nimmt Giesen aber gar nicht mit auf den Rundkurs, zumindest beim laufen. Das Gewehr liegt nämlich für armlose Biathleten zum Schießen schon bereit. Ein Betreuer sorgt dafür. Er nimmt die Waffe seines Schützlings vom Gewehrständer und positioniert diese auf die Schießmatte.
In allen paralympischen Biathlonwettbewerben wird ausschließlich im liegenden Anschlag geschossen. Giesen richtet dann sein rund 3400 Euro teures Sportgerät mit dem Kinn auf das Ziel aus. "Den Abzug betätige ich mit meinen mir verbliebenen linken Finger am Stumpf", erklärt Giesen. Und zwar über eine Schnur, an deren Ende ein Ring befestigt ist. Die Entfernung zum Ziel beträgt bei den Biathleten mit Handicap zehn Meter.
Geschossen wird mit je fünf Schuss auf eine Scheibe mit 1,5 Zentimeter Durchmesser. Nachladen müssen die Sportler übrigens nicht. Die Patronen sind bereits im Magazin. "Früher wurde noch für einen wie mich nachgeladen", erinnert sich Giesen und lacht dabei. Doch auch im paralympischen Biathlon hat sich die Technik in den vergangenen Jahren rasant entwickelt.
In diesem Winter hat Giesen immer wieder den Ablauf beim Schießen auf seine neue Waffe abgestimmt. "Es soll alles schneller und rhythmischer gehen und natürlich zielsicherer", erklärt er. Er ist zufrieden. Bei seinen letzten Paralympics in Vancouver träumt Giesen auch deshalb noch einmal von einer Medaille. Doch die Konkurrenz hat nicht nur läuferisch, sondern auch "waffentechnisch" längst aufgeschlossen.
Das gilt vor allem für die Biathleten aus Russland "die ganz sicher zu den Favoriten zählen", prophezeit Giesen. Zumindest in Sachen Waffendesign würde Giesen in Vancouver ganz sicher eine Medaille holen, wenn es diese denn gäbe. Er hat sein Sportgerät knallweiß lackiert und mit der Deutschlandfahne und der kanadischen Ahornflagge versehen. Giesen sagt: "Das Auge schießt doch schließlich mit."