Die Kurve, die am Millerntor für Rostocks Anhang reserviert war, ist leer geblieben. Grund des Boykotts: Auf Anordnung von Hamburgs Polizei wurden den Hansa-Fans nur 500 Tickets angeboten. ZDFonline sprach mit dem DFL-Fanbeauftragten Thomas Schneider.
sport.zdf.de: Wer legt normalerweise fest, wie viel Karten dem Gastverein zustehen?

Thomas Schneider: In den Statuten ist klar geregelt, dass der Heim-Verein den Gästefans insgesamt zehn Prozent der Karten in allen Kategorien anbieten muss. Wir haben einen Kompromissvorschlag von 700 Tickets gemacht, den Hansa Rostock aber nicht akzeptiert hat. Wir haben dann St. Pauli darauf hingewiesen, dass die Sitzplätze unantastbar sind, sie aber über die Stehplätze im Rahmen ihres Hausrechts selbst verfügen können.
sport.zdf.de: Und wie bewerten Sie die Situation?
Schneider: Wir wussten, dass es zwischen den unterschiedlichen Fan-Strukturen in Hamburg und Rostock Gespräche gab, um die Fans mit in die Verantwortung zu nehmen.
sport.zdf.de: Der Ständige Fanausschusses des FC St. Pauli befürchtet, diese Entscheidung könnte eine Türöffnerfunktion für künftiges restriktives Vorgehen bei der Kartenvergabe für Auswärtsspiele sein. Teilen Sie dese Befürchtung?
Schneider: Die Entwicklungen in der vergangenen Zeit haben dazu geführt, dass alles auf den Prüfstand kommt. Wir, der DFB und die Politik werden zeitnah Gespräche führen, um im Interesse der Fans und gegen die Verursacher von Gewalt in den Stadien zu handeln.
sport.zdf.de: Nun droht die Situation zu eskalieren. Beim FC St. Pauli streiten die Fans mit dem Präsidium, weil das dem Druck der Polizei nachgegeben hat. Hansa Rostock will aus Protest überhaupt keine Karten mehr und die Polizei befürchtet, dass sich die Rostocker Anhänger zu anderen Aktivitäten treffen. Die Schausteller auf dem Hamburger Dom wurden schon dazu aufgefordert, ihr Inventar zu befestigen. Befürchten Sie auch Krawalle?
Schneider: Das ist reine Spekulation. Allen Beteiligten ist klar, dass die Begegnung ein Risikospiel ist. Ich kann nur an die Fans beider Seiten appellieren, sich friedlich zu verhalten. Denn friedlicher Protest ist der beste Weg der Polizei zu zeigen, dass die Beschränkung des Auswärtsticketkontingents nicht notwendig war.
sport.zdf.de: Auf jeden Fall scheint sich die Konflikt-Spirale zwischen Fußballfans und Vereinen wieder ein Stück weitergedreht zu haben. Was können Sie in Ihrer Funktion da vermittelnd tun?
Schneider: Im Moment herrscht leider viel Misstrauen und Gekränktheit auf allen Seiten. Ich werde in Hamburg sein, mir vor Ort ein Bild machen, Gespräche führen und dort wo es notwendig ist vermitteln.
sport.zdf.de: Auch die aktuellen Sportgerichtsurteile gegen den 1. FC Köln und den 1. FC Nürnberg sehen eine restriktive Kartenvergabe bei Auswärtsspielen vor. Gibt es eine Tendenz, Fußballfans pauschal für Vergehen einzelner zu bestrafen?
Schneider: Bisher wurden immer nur die Clubs, deren Fans randaliert haben, bestraft. Das hat die Anhänger aber nie wirklich getroffen. Erstmals sind jetzt auch die Fans direkt tangiert. Das kann zu einem Umdenken in der Kurve führen.
sport.zdf.de: Ein Appell an die Selbstregulierung der Kurve?
Schneider: Offenbar fehlt die Fähigkeit zur Selbstkritik. Nach dem schweren Unfall von Bochum (beim Abbrennen von Feuerwerkskörpern wurden acht Fans des 1. FC Nürnberg verletzt, d. Red.) hat sich keiner der Ultras laut zu Wort gemeldet. Immerhin findet die Diskussion um die Selbstregulierung und über Grenzen ihres Verhaltens unter den Fans jetzt wieder statt.
Aufgrund schwere Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des FC St. Pauli und dem FC Hansa Rostock in der Vergangenheit einigten sich beide Vereine unter Einbeziehung von Fanvertretern auf ein reduziertes Kontingent von 1400 Gästekarten. Die Hamburger Polizei verfügte jedoch, dass lediglich 500 personalisierte Sitzplatzkarten in Rostock verkauft werden dürfen. Dem stimmte das Präsidium des FC St. Pauli zu und wird seitdem von den eigenen Fans unter dem Motto "Konsequenter Einsatz für Fanrechte statt Kuschelkurs mit der Polizei" kritisiert.
Der FC Hansa Rostock hat inzwischen nach Absprache mit seinen Fanvertretern aus Protest alle 500 Karten zurückgegeben. "Diese Kartenlimitierung ist eine Beschneidung der Fanrechte", sagt Hansa-Sprecher Karsten Lehmann. Der Verein hat seine Anhänger dazu aufgerufen, am Sonntag nicht nach Hamburg zu fahren. Flyer mit dem Aufruf "Sonntag 13:12 Uhr - Spuk am Riesenrad" schüren allerdings die Befürchtung, es könne zur Randale auf dem Hamburger Volksfest "DOM" kommen, das neben dem Millerntorstadion stattfindet.