Besser als Weltkasse und das seit über zwanzig Jahren: Der Wasserball-Nationaltorhüter Alexander Tchigir ist ein echtes Phänomen. Jetzt spielt er seine neunte Europameisterschaft in Zagreb.
Alexander Tchigir ist der beste Wasserballtorhüter aller Zeiten. Ein "Überirdischer", wie ihn der deutsche Nationaltrainer Hagen Stamm erst kürzlich bezeichnete. Und das mit 41 Jahren.
Die deutschen Wasserballer haben bei der EM in Zagreb das Schlüsselspiel um den Viertelfinal- Einzug gewonnen. Das Team von Bundestrainer Hagen Stamm besiegte Russland am Montag 7:6 (2:0, 1:3, 2:2, 2:1).
Der stattliche, 1,91 Meter große Modellathlet hat kein Problem mit seinem Alter. Das haben andere. Und die stellen immer die gleiche Frage: Wann er denn seine Karriere beende. Die Antwort, die er auch sport.zdf.de gibt, ist nicht sonderlich überraschend. "Solange ich die Bälle noch gut parieren kann, bleibe ich im Tor", erklärt Tchigir selbstbewusst.
Dieses eher trockene Statement löst unterschiedliche Reaktionen aus. Hagen Stamm freut es im doppelten Sinne. Er trainiert den Dauermeister Wasserfreunde Spandau und die Nationalmannschaft. In beiden Teams hütet Tchigir das Tor so verlässlich wie kein anderer vor ihm. Zwei andere Wasserballer jedoch müssen unter Tchigirs Konstanz leiden. Im Verein wie auch in der Auswahlmannschaft ist Torhüter Roger Kong nur die Nummer zwei hinter Tchigir. Und der ausgezeichnete Keeper Tim-Ole Fischer vom ASC Duisburg kommt an Tchigir auch nicht vorbei. Kong und Fischer stecken also in einer Warteschleife. "Irgendwann kommt ihre Zeit", sagt Tchigir ohne Mitleid.
Der gebürtige Moskauer hat das Wasserballspiel verändert. Vor rund zehn Jahren begann er einen ganz großen Satz aus seinem Tor zu machen, um dem gegnerischen Center den Ball wegzuschnappen. Das war die völlige Neuinterpretation der Torwartrolle, die der Keeper da so erfolgreich demonstrierte. Ein Modell der Zukunft. Es dauerte nicht lange, da kopierten sämtliche Wasserballtorhüter dieser Welt Tchigirs Offensivstrategie. "Seitdem gibt es im Wasserball den spielenden Torwart", erklärt dazu der Erfinder selbst.
Tchigir hat den Status des Torwarts kräftig aufgewertet. Früher stellten die Trainer nur die Aktiven ins Tor, die schlecht schwimmen konnten, aber dafür ziemlich groß waren. Seit rund zehn Jahren aber ist der mobile Keeper in der harten Sportart ein gleichwertiger Teil der Mannschaft. Vielleicht ist er sogar noch ein wenig wichtiger als die anderen Spieler im Becken. Bei Tchigir ist das kaum zu überhören. Durch seine Erfahrung ist er blitzschnell in der Lage, die Stärken und Schwächen des Gegners zu erkennen und die Abwehr lautstark zu dirigieren. "Ich schrei nicht, ich helfe", meint Tchigir.
Im Jahr 1995 verließ der Wasserballer Russland in Richtung Berlin. "Die Modernisierung des Landes ging mir nicht schnell genug voran", seine Erklärung. Noch für die Sowjetunion gewann Tchigir im Jahr 1991 bei der Europameisterschaft die Bronzemedaille. Ein Jahr später für die GUS zu den Olympischen Spielen in Barcelona reichte es wieder zum dritten Rang. Bei der Weltmeisterschaft 1994 sprang für Tchigir abermals die Bronzemedaille heraus - für einen Staat, der sich inzwischen Russland nannte. Insgesamt 367 Länderspiele absolvierte der Diplom-Sportlehrer für ein Land mit drei unterschiedlichen Namen.
Dass er heute, fast 20 Jahre nach diesen Erfolgen, noch immer zu den weltbesten Torhütern zählt, führt er auf die gute, alte russische Torwartschule zurück. Als "hart, aber ohne Qualen", charakterisiert Tchigir seine Moskauer Lehrjahre.
Seit 1997 besitzt Tchigir die deutsche Staatsangehörigkeit. Er steht im Tor des deutschen Dauermeisters Wasserfreunde Spandau und hat bisher 315 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft absolviert. Tschigir spielt und spielt. Was ihm in all den Jahren nie abhanden kam, ist sein exzellentes Reaktionsvermögen, seine Angstfreiheit, sein Ehrgeiz, seine starken Beine und die unendlich große Kraft, mit seinem Oberkörper so lange über Wasser zu bleiben wie kein anderer. "Alles richtig", sagt Tchigir, wenn man ihm das nacheinander aufzählt.
Erst vor zwei Wochen hat er erfahren, dass Hagen Stamm ihn zum ersten Torwart für die Europameisterschaft in Zagreb nominiert hat. Es wird seine Neunte sein.